China: Der chinesische Bürgerkrieg


China: Der chinesische Bürgerkrieg
China: Der chinesische Bürgerkrieg
 
Der Widerstand der Chinesen gegen die japanischen Invasoren hatte es während der acht Kriegsjahre von 1937 bis 1945 nicht vermocht, die kaiserlich-japanische Armee in die Knie zu zwingen. Die mehr als zwei Millionen japanischen Soldaten, die sich im Sommer 1945 in China und der Mandschurei befanden, waren »im Felde unbesiegt«. Keine der beiden auf chinesischer Seite den Krieg führenden Parteien, weder die »Nationalpartei« Kuo-min-tang (KMT), die die chinesische Nationalregierung stellte, noch die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) konnte sich als Triumphator fühlen. Die militärische Macht der KMT war noch in der 2. Hälfte des Jahres 1944 durch eine große Sammlung japanischer Kräfte, die »Ichigo-Offensive«, erheblich geschwächt worden. Mao Zedongs Guerillakämpfer wiederum hatten den Aggressoren in Nordchina hart zugesetzt, sie aber nicht bezwungen. Es waren die Atombomben von Hiroshima und Nagasaki, die, überraschend für fast alle Beteiligten, zu Japans bedingungsloser Kapitulation führten. Sie beendeten nicht nur den Pazifischen Krieg, sondern auch den Krieg in China.
 
Nachdem Japan, der ärgste Widersacher der chinesischen Nation, ausgeschaltet war, schien Chiang Kai-shek, der Führer der KMT, in den letzten Monaten des Jahres 1945 als stärkste politische Persönlichkeit und von sämtlichen Großmächten hofierter führender Staatsmann Chinas das Land friedlich wieder vereinigen zu können. Er beanspruchte, das politische Oberhaupt von mehr als drei Vierteln einer Gesamtbevölkerung von 450 Millionen Menschen zu sein. Freilich war der Bürgerkrieg zwischen Chiang Kai-sheks KMT und der KPCh, der 1927 begonnen hatte, während des Kriegs nur vorübergehend auf Eis gelegt, der Konflikt zwischen den Kontrahenten durch die Überlebenskrise der Nation bloß gedämpft worden. Auch gab es geographisch wenig Berührung zwischen ihnen. Schon lange vor der japanischen Kapitulation hatten sie jedoch Truppen und Hilfsmittel für die, wie man allseits erwartete, nach Kriegsende mit Sicherheit wieder aufflammende Auseinandersetzung aufgespart. Beide politischen Lager operierten von militärisch gesicherten Hauptquartieren aus. Die KMT war bei Kriegsende in der südwestlichen Provinz Sichuan verschanzt und kontrollierte auch große Gebiete Zentral- und Südchinas. Sie vor allem entwaffnete vom September 1945 an die japanischen Truppen und rückte in die von diesen beherrschten Gebiete ein. Die KPCh hingegen ging aus dem Krieg mit mehreren Basisgebieten in Nordchina hervor, von denen einige hinter der ehemaligen japanischen Front lagen. Sie war zunächst die zahlenmäßig bei weitem schwächere, dabei aber kampferprobtere und zielstrebigere Kraft.
 
Die internationale Situation im Fernen Osten
 
Mit dem Zusammenbruch Japans, das China seit 1894 immer wieder bedrängt hatte, änderte sich unvermittelt auch die internationale Situation im Fernen Osten. Nur noch die Vereinigten Staaten und an zweiter Stelle die Sowjetunion konnten in der Region als externe Großmächte auftreten. Großbritanniens Position in Ostasien hatte durch den Krieg schweren Schaden genommen. Ihm gelang es nur, die wirtschaftlich wertvolle Kronkolonie Hongkong wieder in Besitz zu nehmen, nicht aber seinen großen Vorkriegseinfluss in der Republik China neu zu beleben. Frankreich fiel als nennenswerter Faktor ganz aus und konzentrierte seine geringen Machtmittel in Fernost auf die Verhinderung einer antikolonialen Revolution in Vietnam. So trat 1945 an die Stelle des Vorkriegs-»Konzerts« der imperialistischen Mächte eine einfache bipolare Struktur, in der sich das Muster der globalen Kräfteverhältnisse wiederholte.
 
Sowohl die USA als auch die UdSSR erwarteten, auf die Entwicklung in China in ihrem jeweiligen Sinne Einfluss nehmen zu können. In Washington und Moskau fürchtete man nichts so sehr wie ein chaotisches Machtvakuum auf dem ostasiatischen Festland. Ordnungsstifter nahezu jeder Art waren daher grundsätzlich willkommen. Keine der Weltmächte setzte einstweilen ausschließlich auf die Karte des eigenen Schützlings. Die USA setzten ihr Kriegsbündnis mit Chiang Kai-shek fort und unterstützten ihn auch nach der Kapitulation Japans mit Marineinfanteristen, Militärberatern, Waffen und Anleihen. Die Hilfe erreichte jedoch keineswegs das Ausmaß, das sich der »Generalissimus« erhofft hatte. In der liberalen Öffentlichkeit der Vereinigten Staaten galt Chiang Kai-shek als ein reaktionärer Diktator, der die Demokratisierung Chinas verhinderte.
 
Stalin wiederum hatte nur begrenzte Sympathien für die eigenwillige chinesische Schwesterpartei, die wiederholt gegen seine ideologische Autorität als Oberhaupt des Weltkommunismus aufbegehrt hatte. Nach Kriegsende verweigerte er den chinesischen Kommunisten umfassende Hilfe. Er scheute sich, die USA in China zu provozieren, traute der KPCh einen Sieg in einem chinesischen Bürgerkrieg vorerst nicht zu und nutzte die Gelegenheit, sich bereits am 14. August 1945 von der Nationalregierung der KMT, also der einzigen völkerrechtlich anerkannten Vertreterin Chinas, sowjetische Privilegien auf chinesischem Territorium vertraglich bestätigen zu lassen. In den Augen Mao Zedongs und der anderen KPCh-Führer bedeutete Stalins Zusammenarbeit mit dem alten »Kommunistenschlächter« Chiang Kai-shek Verrat an der Solidarität innerhalb der kommunistischen Weltbewegung.
 
 Der Beginn des Bürgerkriegs
 
Beide Weltmächte ließen in der unmittelbaren Nachkriegszeit keinen Zweifel daran, dass sie einen offenen Bürgerkrieg in China nicht wünschten. Weniger aus eigenem Antrieb als aus dem Bedürfnis, Friedfertigkeit und Kompromisswillen symbolisch unter Beweis zu stellen, führten bereits zwischen August und Oktober 1945 die alten Todfeinde Chiang Kai-shek und Mao Zedong in der KMT-Hauptstadt Chongqing lange und zähe Gespräche, um China, wie es offiziell hieß, »Frieden und Demokratie« zu bringen. Weitere Versuche während der folgenden Monate, durch eine Art von rundem Tisch, an dem neben KMT und KPCh auch Vertreter der liberalen Intellektuellen und der neu gegründeten chinesischen Friedensbewegung saßen, zu einer Annäherung und zum Aufbau demokratischer Institutionen zu gelangen, schlugen fehl. Ende 1947 berief die KMT im Alleingang eine demokratisch nicht legitimierte Nationalversammlung ein. Der Druck auf Kritiker der KMT-Herrschaft wuchs; der Dichter und Regimekritiker Wen Yiduo wurde sogar auf offener Straße erschossen. Im Reich der KPCh waren die Intellektuellen bereits durch die »Berichtigungsbewegung« von 1942 auf einen offiziellen Parteikurs eingeschworen worden. Auf dem VII. Nationalkongress der KPCh, der von April bis Juni 1945 tagte, war das »Mao-Zedong-Denken« zur ideologischen Richtschnur erhoben und an die Seite von Marxismus und Leninismus gestellt worden. Für die zahlenmäßig schwächere KPCh war es 1945 entscheidend, ihren Machtbereich über ihre entlegenen und wirtschaftlich rückständigen Kriegsstützpunkte hinaus zu erweitern und eine der ressourcenreichen Kernregionen Chinas unter ihre Kontrolle zu bringen. In Süd- und Mittelchina hatte die KPCh nach ihrer großen Niederlage gegen Chiang Kai-shek 1934, die sie auf den Langen Marsch gezwungen hatte, nie wieder Fuß fassen können. Die Wahl fiel 1945 auf den Nordosten, also die seit 1931 von Japan besetzte Mandschurei, das Schattenreich des bei Kriegsende verhafteten Marionettenkaisers Puyi. Hier war die kommunistische Bewegung bis Kriegsende ohne Chancen geblieben. Die Japaner hatten Ansätze einer revolutionären Guerilla schon in den 1930er-Jahren mit unerhörter Brutalität unterdrückt. Die in der Mandschurei stationierten sowjetischen Truppen waren an eine Klausel des chinesisch-sowjetischen Vertrags vom 14. August 1945 gebunden, die der KMT das alleinige Recht einräumte, die zuvor japanisch kontrollierten Gebiete in Besitz zu nehmen. Als aber die USA erkennen ließen, dass sie die Sowjetunion nicht an der Okkupation Japans beteiligen würden, begannen die sowjetischen Kommandeure in der Mandschurei, der chinesischen Roten Armee unter der Hand ihre Ausbreitung in ländlichen Gebieten der Mandschurei zu gestatten. Die Städte blieben, mit Ausnahme der nördlichen Metropole Harbin, unter der Gewalt der KMT.
 
Vergebliche amerikanische Vermittlungsversuche
 
Je mehr sich der Konflikt zwischen KMT und KPCh verschärfte, desto schwerer lösbar wurde das Dilemma der amerikanischenPolitik. Einerseits schien es im Interesse der Stabilität in China und der Eindämmung des sowjetischen Einflusses geboten, das Regime Chiang Kai-sheks zu unterstützen. Andererseits warnten vor allem hohe Militärs davor, sich in einen potenziell uferlosen Bürgerkrieg hineinziehen zu lassen. Am 15. Dezember 1945 traf Präsident Harry S. Truman die epochale Entscheidung, Chiang Kai-shek zwar nahezu unbegrenzt mit Geld und Waffen zu helfen, aber nicht mit eigenen Streitkräften in Chinas innere Angelegenheiten einzugreifen.
 
Gleichzeitig entsandte der Präsident den prominenten General George C. Marshall als Sonderbotschafter mit dem Auftrag nach China, dort eine stabile Koalitionsregierung herbeizuführen. Marshall erreichte zwar, dass im Januar 1946 ein Waffenstillstand geschlossen wurde, konnte aber keine der Konfliktparteien zu substanziellen Zugeständnissen bewegen. Chiang Kai-shek beharrte auf der Unterstellung der Roten Armee unter sein Oberkommando und war zu einer »Demokratisierung« seines diktatorischen Herrschaftssystems nicht bereit, wie sie die KPCh als Vorbedingung für eine Verhandlungslösung forderte. Mao Zedong seinerseits dachte nicht daran, die Positionsgewinne der späten Kriegsjahre aufzugeben. Marshalls Bemühungen scheiterten im Sommer 1946 nicht nur am Misstrauen der verfeindeten Parteien gegeneinander, sondern auch daran, dass er als Vermittler im Grunde nicht unparteiisch war. Marshall missfiel vieles am Regime der KMT, aber er vertrat eine Regierung, die in der Entstehungsphase des Kalten Krieges den »Verlust Chinas« an den Kommunismus nicht riskieren wollte. Wichtig war, dass in der kriegsmüden chinesischen Öffentlichkeit die KMT im Vergleich zur KPCh als die aggressivere Kraft galt. Chiang Kai-shek erschien als der Haupturheber der neuerlichen Kriegswirren.
 
Gleichzeitig mit dem Fehlschlag des amerikanischen Vermittlungsversuchs zogen sich die sowjetischen Truppen vereinbarungsgemäß aus der Mandschurei zurück, in die sie nach ihrem Eintritt in den Krieg gegen Japan am 8. August 1945 einmarschiert waren. Der chinesische Bürgerkrieg, der Mitte 1946 offen ausbrach, wurde fortan ohne direkte auswärtige Einmischung ausgetragen.
 
 Die Revolution auf dem Lande
 
Beim Ausbruch der Feindseligkeiten im Juli 1946 standen den 4,3 Millionen Mann unter Chiang Kai-shek etwa 1,2 Millionen weitaus schlechter bewaffnete Kämpfer der chinesischen Roten Armee gegenüber, die sich nun in »Volksbefreiungsarmee« (VBA) umbenannte. Die VBA hatte während des antijapanischen Widerstandskrieges in Theorie und Praxis den »Volkskrieg« entwickelt: den Einsatz kleiner Guerillaverbände, die von der Sympathie der örtlichen Bevölkerung getragen wurden. Eine der größten Leistungen der VBA bestand darin, dass sie sich 1946 und in den Jahren danach von der Partisanentaktik auf einen klassischen Schlachtenkrieg umstellte. Der chinesische Bürgerkrieg wurde nach allen Regeln strategischer Kunst auf dem Schlachtfeld entschieden, auch wenn eine Bauernguerilla durch Angriffe auf die Nachschublinien des Feindes zur Schlagkraft der regulären Truppen beitrug. Die nötigen Waffen erhielt die VBA aus ehemaligen japanischen Beständen, die die Sowjetarmee in der Mandschurei an sie weitergegeben hatte, sowie direkt vom besiegten Gegner. Daher wurde auf beiden Seiten mit amerikanischen Waffen gekämpft. Mao Zedongs Soldaten zogen Anfang 1949 auf US-Armeelastwagen im Triumph in Peking ein.
 
Die KPCh genoss bei Kriegsende bei weiten Teilen der chinesischen Bevölkerung hohes Ansehen. Sie hatte, wie es schien, die Japaner energischer bekämpft, als dies die KMT getan hatte. Im Gegensatz zur KMT war sie von Korruption frei. Man nahm es ihren Führern ab, dass sie uneigennützig für das Wohl der Nation und für soziale Gerechtigkeit eintraten. Vor allem war die KPCh eine Partei mit bäuerlicher Anhängerschaft, und diese Klientel war erfahrungsgemäß schwer zu mobilisieren.
 
Seit den späten 1920er-Jahren hatte die KPCh mit einer Reihe agrarpolitischer Strategien experimentiert. Sie unterschieden sich durch ihren Radikalismus, genauer: den Stellenwert, der dem politisch ausgelösten »Klassenkampf« beigemessen wurde. Zur Zeit des erstmals praktizierten Rätesystems in der Provinz Jiangxi (1931—34) war man scharf gegen »ausbeuterische« Elemente auf dem Dorf vorgegangen. Nach Kriegsbeginn 1937 hatte man dann in den »befreiten Gebieten«, in denen die KPCh die tatsächliche Regierungsgewalt innehatte, einen vorsichtigen, den Genossenschaftsgedanken betonenden Kurs bevorzugt. Damals hatte die KPCh breite Unterstützung auf dem Lande gesucht. Durch unterschiedliche Besteuerung und maßvolle Förderung kleinbäuerlichen Wirtschaftens wollte man die sozialen Unterschiede auf dem Dorf behutsam ausgleichen.
 
Wechsel der Agrarpolitik: »Klassenkampf«
 
Nun, 1946, leitete die Partei in ihrer neuen Machtbasis, der Mandschurei, sowie in ihrem nordchinesischen Kontroll- und Einflussbereich einen radikalen Umsturz der Eigentumsverhältnisse auf dem Lande ein. Sie kehrte damit zur Agrarpolitik der Jiangxi-Periode zurück, die sogar noch verschärft wurde. Damit begann die revolutionärste Etappe in der chinesischen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Alle »Grundherren«, definiert als nicht selbst arbeitende und daher »parasitäre« Landverpächter, und die meisten »reichen Bauern« wurden entschädigungslos enteignet. Sie wurden ihrer rechtlichen und gesellschaftlichen Privilegien beraubt, viele auch umgebracht. Insgesamt wurden 43 % der bebauten Fläche an 60 % der Landbevölkerung umverteilt; ein in der chinesischen Geschichte beispielloser obrigkeitlicher Eingriff in die ländlichen Eigentumsverhältnisse. Nutznießer dieser Maßnahmen war die ärmere Hälfte der Bevölkerung: die landlose Unterschicht und die vielen Familien mit winzigem Grundbesitz. Doch auch die nun entstehenden Minifarmen waren oft so klein, dass sie sich nicht rationell bearbeiten ließen. China war zu einem »Ozean des molekularen Parzellenbauerntums« geworden.
 
Man kann die Bedeutung der 1946 beginnenden Landrevolution nicht überschätzen. Mit ihr endete sozialgeschichtlich das agrarische Imperium des alten China. Für die ländliche Oberschicht, die Gentry, war die Revolution eine Katastrophe. Zum ersten Mal in ihrer historischen Erfahrung konnte sie sich des Schutzes durch den Staat nicht länger sicher sein. Sowohl das kaiserliche System als auch nach 1911 die Republik hatten auf einem Bündnis zwischen Staatsapparat und ländlicher Oberschicht beruht. Ihr wurde nun als Folge des neu entfesselten »Klassenkampfes«, der selbst entlegene Dörfer erfasste, wirtschaftlich und politisch das Rückgrat gebrochen. Die Gentry des traditionalen China wurde zuerst im Norden und bis 1952 dann schrittweise in ganz China »als Klasse«, wie es in marxistisch-leninistischer Sprache hieß, vernichtet.
 
Das Muster des »Klassenkampfs« war überall dasselbe; es war das Vorbild vieler späterer Massenkampagnen und sollte sich vor allem während der »Kulturrevolution« (1966—1969) auch im städtischen Bereich wiederholen. Propagandatrupps, geführt von oft ortsfremden Parteikadern, kamen ins Dorf und riefen zu Massenversammlungen auf. Die örtlichen »Reichen« und »Bösewichter« wurden identifiziert und den leidenschaftlichen Anklagen der Dorfarmut ausgesetzt, die ihnen ihr Sündenregister vorhielt. »Geständnisse« wurden nicht selten durch Folter erzwungen. Die Versammlung endete oft mit der Hinrichtung mindestens eines »Grundherrn« und der sofortigen Umverteilung seines Landes und desjenigen anderer »Klassenfeinde«. Der psychologische Effekt solcher »Kampfversammlungen« war außerordentlich. Bauern überwanden Respekt und Furcht vor den dörflichen Herren und fanden mithilfe der Parteiaktivisten erstmals eine Sprache, um ihre Leiden auszudrücken.
 
 Die politische und militärische Niederlage der Kuo-min-tang
 
Mit militärstrategischem Geschick verstand es die KPCh, in den Jahren nach Kriegsende ihre Position in China zu stärken. Ihre Gegner machten es ihr leicht. Die KMT verspielte den politischen Kredit, den sie bei Kriegsende noch besessen hatte. Spätestens 1948 hatte sie die Mehrheit der chinesischen Bevölkerung gegen sich aufgebracht — auch wenn dies nicht unbedingt bedeutete, dass dieselbe Mehrheit ein kommunistisches Regime herbeisehnte. Den Bauern hatte die KMT mangels realistischer agrarpolitischer Vorstellungen schon vor dem Krieg wenig zu bieten gehabt. Während der Kriegsjahre hatten Chiang Kai-sheks Armeen vielfach wie Besatzer auf Kosten der Dorfbewohner gehaust, während die Rote Armee darauf achtete, die Zivilbevölkerung möglichst wenig zu belasten.
 
Überraschender und folgenreicher war das Versagen der KMT in den Städten. Von Anfang an war sie eine städtische Partei gewesen. Diese Orientierung ging auf ihren Gründer Sun Yatsen zurück. Die japanische Invasion hatte die KMT und ihre Einparteienregierung von den urbanen Zentren an der Küste getrennt. Seit Ende 1938 war Chongqing weit im kontinentalen Südwesten Chinas ihre Hauptstadt gewesen. Als sie 1945/46 erneut das Regiment über die großen Städte übernahm, verprellte sie die Arbeiter durch ein hartes antigewerkschaftliches Vorgehen. Nach wie vor blieb die städtische Arbeiterschaft, die von den Japanern mit großer Brutalität behandelt worden war, ohne jegliche Sozialversorgung und ohne rechtlichen Schutz. Da die Arbeiterkontrolle der KMT aber schwach und rein polizeilich war und sich nicht auf eigene Arbeiterorganisationen stützen konnte, gelang es ihr nicht, Streiks zu verhindern. War es 1936 in ganz China zu 278 industriellen Konflikten gekommen, so stieg deren Zahl nun auf über 2500 allein in Schanghai.
 
Unternehmer und Intellektuelle gehen auf Distanz
 
Die Unternehmer in Städten wie Schanghai oder Tientsin, die erwartet hatten, ihre von den Japanern enteigneten Fabriken wieder in Besitz nehmen zu können, mussten erleben, wie sich raffgierige Partei- und Staatsfunktionäre das beschlagnahmte Feindeseigentum aneigneten. Nur selten nahmen Fabriken unter diesen »bürokratischen Kapitalisten«, wie sie die kommunistische Propaganda treffend nannte, eine normale Produktion auf. Die wenigen Privatunternehmer, die an die Vorkriegszeit anknüpfen konnten, sahen sich vielfältigen bürokratischen Schikanen ausgesetzt. Die KPCh fand vielfach Glauben, wenn sie ankündigte, bei einer Machtübernahme die »nationale Bourgeoisie« zu schonen und nur gegen die KMT-nahe »bürokratische Bourgeoisie« mit Härte vorzugehen.
 
Auch die Intellektuellen wurden von der KMT in die Opposition getrieben. Pressezensur, die scharfe Kontrolle der Universitäten und die Verfolgung und Misshandlung von Demonstranten, die für inneren Frieden eintraten und nun des Kommunismus bezichtigt wurden, ließen die geistige Elite des Landes auf Distanz zu Chiang Kai-sheks Regime gehen. Manche von ihnen schlossen sich politischen Gruppierungen an, die einen liberal-demokratischen dritten Weg zwischen rechter und linker Diktatur suchten. Besonders schlimme Auswirkungen hatte der rasende Verfall der chinesischen Währung. Bereits Anfang der 1940er-Jahre hatte in den Kuo-min-tang-Gebieten ein inflationärer Prozess begonnen, der sich 1946 immens beschleunigte. Betroffen davon waren vor allem die Bezieher fester Einkommen, gerade auch Lehrer, Professoren und andere Staatsbedienstete, deren rasche Verarmung sozialen Sprengstoff in den Städten schuf. Währenddessen heimsten manche Größen des Regimes beträchtliche Inflationsgewinne ein. Der KMT-Regierung fehlten die Fähigkeit und wohl auch der Wille, die Preisexplosion zu meistern, deren politische Zerstörungskraft sie nicht erkannte. Überhaupt missverstand die Führung von Staat und Partei die Stimmung in der Bevölkerung und nahm, wie Chiang Kai-shek selbst im Rückblick einräumen musste, den allgemeinen Vertrauensverlust nicht wahr. Die Legitimitätsreserven der KMT waren um 1947 weitgehend aufgezehrt.
 
Der militärische Endkampf
 
Die Zerrüttung des Kuo-min-tang-Systems machte auch vor dem Militär nicht halt. Chiang Kai-sheks imposante Armee erwies sich bald als ein Koloss auf tönernen Füßen. Seit Anfang 1948 liefen immer mehr Soldaten und Truppenteile der Nationalarmee zur VBA über. Die KPCh nahm die Deserteure gern auf und ließ manche KMT-Generäle einstweilen auf ihren Posten. Mitte 1948 hatten die Bürgerkriegsgegner nach den beiden entscheidenden Kriterien — der Zahl gut bewaffneter Verbände und der Verfügung über Artillerie — einen Gleichstand erreicht. Zu dieser Zeit hatten die von Zhu De, Lin Biao und anderen Kommandeuren brillant befehligten Streitkräfte der KPCh das Kriegsgeschehen bereits zu ihren Gunsten wenden können. Viele Großstädte waren eingekreist; Hunderttausende von Elitesoldaten Chiang Kai-sheks saßen in der Falle und konnten manchmal nur durch Luftbrücken versorgt werden. In der Vernichtungsschlacht von Xuzhou am wichtigsten Eisenbahnknotenpunkt des südlichen Nordchina, die vom 6. November 1948 bis zum 10. Januar 1949 dauerte, erhielt die KMT militärisch den Todesstoß. In diesem grausigen Gemetzel, in dem jede der beiden Seiten fast 600000 Mann einsetzte, gelang es den Kommunisten, zwei Millionen Bauern zur logistischen Unterstützung der Truppen zu mobilisieren. Verantwortlich für die militärische Organisation der Bauern war damals Deng Xiaoping, ein kampferprobter 45-jähriger Guerillaführer. Dem Geschick von KPCh und VBA stand drastisch die militärische Unfähigkeit der KMT gegenüber. Chiang Kai-shek hatte sich in den 1920er-Jahren als erfolgreicher Stratege einen Namen gemacht. Nun war seine Strategie der starren Verteidigung städtischer Positionen dem flexiblen Vorgehen der Volksbefreiungsarmee hoffnungslos unterlegen.
 
Nach der Schlacht von Xuzhou fielen die großen Städte Chinas der Reihe nach ohne ernsteren Widerstand an die VBA: Peking, die alte Kaiserstadt, am 31. Januar 1949, kurz zuvor schon Tientsin, dann im Mai Wuhan und Schanghai. Am 1. Oktober 1949 rief Mao Zedong auf dem Tor des Himmlischen Friedens in Peking die Volksrepublik China aus. Zwei Wochen später wurde Kanton erobert, Ende Dezember als letzte bedeutende Stadt Chengdu in Sichuan. Am 9. Dezember hatte sich der Generalissimus, der bereits im Januar als Präsident der Chinesischen Republik zurückgetreten war, aus seiner alten Kriegshochburg Sichuan auf dem Luftweg nach Taiwan abgesetzt. Eine halbe Million seiner geschlagenen Soldaten folgten ihm.
 
Der Sieg der Kommunistischen Partei Chinas
 
Die KPCh sah sich durch den überraschend schnellen Zusammenbruch der Kuo-min-tang-Positionen vor ganz neue Aufgaben gestellt. Seit 1927 hatte sie nahezu keine Erfahrung mit der Verwaltung von Städten machen können. In der Gewährleistung von öffentlicher Ordnung sah sie ihre vordringlichste Aufgabe, einstweilen noch nicht in der revolutionären Korrektur der Verhältnisse.
 
Der Sieg der KPCh im Bürgerkrieg war vorwiegend hausgemacht. Der Hilfe durch die kommunistische Weltmacht UdSSR verdankten die chinesischen Genossen wenig. Entscheidend für ihren Erfolg waren die Unterstützung durch beträchtliche Teile der chinesischen Bevölkerung, besonders auf dem Lande, die Disziplin und Führungskompetenz unter den Militärführern und zivilen Kadern der Partei sowie die Unfähigkeit und Korruption des Kuo-min-tang-Regimes. Viele Chinesen, die den Sieg der Kommunisten begrüßten, waren keine enthusiastischen Anhänger des Bolschewismus in seiner maoistischen Ausprägung. Schlimmer als unter der Nachkriegs-KMT, so dachten viele, würde es kaum kommen können. Die Stimmung in China am Ende des Jahres 1949 war beherrscht von einem Aufatmen nach zwölf Jahren nahezu ununterbrochenen Kriegs und Bürgerkriegs. Hoffnungsvoll oder besorgt wartete man auf die ersten Maßnahmen des neuen Regimes.
 
Prof. Dr. Jürgen Osterhammel
 
Weiterführende Erläuterungen finden Sie auch unter:
 
China: Die Ära Mao
 
Grundlegende Informationen finden Sie unter:
 
China: Vom Massenprotest der 20er-Jahre zur japanischen Invasion
 
 
Domes, Jürgen / Näth, Marie-Luise: Geschichte der Volksrepublik China. Mannheim u. a. 1992.
 
Mao Zedong - der unsterbliche Revolutionär? Versuch einer kritischen Neubewertung zum 100. Geburtstag, herausgegeben von Thomas Heberer. Hamburg 1995.
 Osterhammel, Jürgen: China und die Weltgesellschaft. Vom 18. Jahrhundert bis in unsere Zeit. München 1989.
 
The Politics of China. The eras of Mao and Deng, herausgegeben von Roderick MacFarquhar. New York u. a. 21997.
 Weggel, Oskar: Geschichte Chinas im 20. Jahrhundert. Stuttgart 1989.

Universal-Lexikon. 2012.

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